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current: „ohne Titel“ / Soloshow @ Kunstpavillon Munich / February 11th – April 4th 2021

Die erste Einzelausstellung „Ohne Titel“ der Künstlerin Gülbin Ünlü zeigt eine raumfüllende Verdichtung. Auf dem historischen Steinboden des Kunstpavillons München lädt ein Labyrinth der multimedialen Malerei zur Interaktion mit den vielschichtigen Arbeiten der Ausstellung ein. Besucher*innen haben die Möglichkeit, ihren persönlichen instinktiven Ausstellungpfad zu wählen, und die Arbeiten sowohl im Stehen als auch kniend von Oben zu untersuchen.

Einem Musée imaginaire (André Malraux) gleich weichen die Malereien den ideologisch aufgeladenen weißen Wänden der Kunstinstitution aus und erinnern in Ihrer Untersuchung  an Aby Warburgs Bilderatlas Mnemosyne. Diese Bilderformationen suchen nach Ordnungen außerhalb der Vorgaben der Konventionen. Sie lassen sich weder enzyklopädisch noch chronologisch sortieren. Zu verflochten sind die aufgerufenen Themenfelder, die das Private und Politische, das Biologische und Kulturelle gleichermaßen umfassen. Dabei ähneln sie im Raum formatierten Datenströmen aus den Sozialnetzwerken und interagieren mit den konkreten existierenden Gegebenheiten, wie die in den Boden eingelassenen Stolpersteinen. Ünlü nimmt eine Umwertung der Werte vor, die sich als eine Demontage der bestehenden Hierarchien vollzieht.

Die von der Künstlerin weiterentwickelte, eigene Hybrid-Technik zwischen Druck und Malerei schafft die Grundlage der multimedialen Arbeiten. Mit der Gleichzeitigkeit der verschiedenen Ebenen und einer Vielzahl an Fragmenten überlappen und verschwimmen die persönlichen Erinnerungen der Künstlerin mit den erlebten Umwelteinflüssen und stellen die Erinnerung als einen fixierten Gedanken in Frage. Ist die Erinnerung ein sich ständig mit der Zeit verändernder agiler Geisteszustand, und was versteht man unter kollektiven Erinnerungsnetzwerken?

Ünlü zeigt in ihrer Ausstellung außerdem drei Videoarbeiten, in denen sie Fragen nach Identität, gesellschaftlicher Wahrnehmung von Personen und den Begriff der Weiblichkeit verhandelt.

Im Dialog erörtern Gülbin Ünlü und der Kunsthistoriker Gürsoy Doğtaş Fragestellungen, die die Ausstellung aufwirft, und kontextualisieren sie mit Erfahrungen aus dem Privatleben der Künstlerin. Zur Eröffnung der Ausstellung wird das Gespräch in Form einer limitierten Publikation erscheinen.

•Während der Kunstpavillon aufgrund des Lockdown geschlossen blieb, nutzte die Künstlerin Gülbin Ünlü den entstandenen Freiraum für künstlerische Experimente im Vorfeld ihrer Ausstellung. Die Ergebnisse wurden auf den Socialmedia-Kanälen des Kunstpavillons veröffentlicht•

Experiments in Lockdown 2021 while the Kunstpavillon Munich remains closed.

Short Portrait about the current Work of Artist Gülbin Ünlü
for „Die ersten Jahre der Professionalität 39“, Galerie der Künstler Munich, 2020
Camera & Edit: Domino Pyttel / Text: Anja Lückenkemper / Subtitles: Carrie C. Roseland
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Gülbin Ünlü’s artistic practice celebrates the mash-up, which is demonstrated not least by her interdisciplinary approach spanning artistic collaboration, photo and video work, performance, music, and painting. But Ünlü’s work is not only characterized by media versatility, her work is composed of a large number of fragments at all levels. Analogous to the British theorist Mark Fisher, who described retro as the dominant mode of a pop-cultural production in which we don’t expect anything new, Ünlü understands the contemporary as fragmented and pieced together out of different eras. What can be contemporary in art in this context, in this overlapping and hypercharging of fragments, derivations, and references? In Fisher, the retro mode is an important component of an ubiquitous conception—called capitalist realism—that there is no alternative to capitalism. In order to overcome prevailing conservatism on a political and cultural level, ideas for a radically different future are needed, according to Fisher. Ünlu’s work can be read as attempts to imagine these other futures.

An investigation of belonging, which Unlü collages together as a sense of wholeness made up of many individual parts, runs through her work like a red thread. Questions about coexistence can be found in various series by Ünlü: in her engagement with the connection between humans and animals, in her exploration of identity and its limits, and in her interest in utopias and dystopias. Dystopia is not to be understood as a mere science fiction imagination, but above all as an interrogation of the present. Against the backdrop of current political and ecological disasters, some of which seem like true Sci-Fi prognoses, Ünlü examines where our world is headed and whether there can even be a utopia for everyone. The resulting works are complex, abstract and critical: in the process of elimination, the artist examines and rejects possible current ideas of utopian future spaces. Ünlü’s work demands resistance and responsibility and questions the usual categories and classifications.

Gülbin Ünlü’s themes frequently develop from materials she randomly finds, such as reflection color, printer ink, or jute, and with which she experiments until a theme and a form develop from it. The rough jute material, for example, is a painting ground that already contains gaps and, when treated with embroidery or paint, creates a multidimensionality in front of the wall.

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Gülbin Ünlüs künstlerische Praxis zelebriert das Mash-Up, das zeigt sich nicht zuletzt an ihrem interdisziplinären Ansatz, der unter anderem künstlerische Zusammenarbeiten, Foto- und Videoarbeit, Performance, Musik und Malerei umfasst. Doch Ünlüs Schaffen kennzeichnet nicht nur die mediale Vielseitigkeit, ihre Arbeiten setzen sich auf allen Ebenen aus einer Vielzahl an Fragmenten zusammen. Analog zu dem britischen Theoretiker Mark Fisher, der Retro als beherrschenden Modus der popkulturellen Produktion, in der wir nichts Neues mehr erwarten, beschrieb, versteht Ünlü das Zeitgenössische als fragmentiert und aus verschiedenen Epochen zusammengetragen. Was kann in diesem Zusammenhang, in dieser Überlagerung und Überforderung an Fragmenten, Ableitungen und Referenzen, das Zeitgenössische in der Kunst sein? Bei Fisher ist der Retromodus ein wichtiger Bestandteil einer allgegenwärtigen Auffassung – von ihm kapitalistischer Realismus benannt – wonach es keine Alternative zum Kapitalismus gibt. Um den herrschenden Konservatismus auf politischer wie kultureller Ebene zu überwinden, braucht es Vorstellungen von einer radikal anderen Zukunft, so Fisher. Ünlüs Arbeiten können als Versuche gelesen werden, diese anderen Zukünfte zu imaginieren.

Eine Untersuchung von Zugehörigkeit, die bei Ünlü als ein aus vielen Einzelteilen bestehendes Gesamtheitsgefühl collagiert wird, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Schaffen. Fragen nach Ko-Existenz finden sich in verschiedenen Werkzyklen Ünlüs wider: in ihrer Beschäftigung mit der Verbindung von Mensch und Tier, in ihrem Ausloten von Identität und deren Grenzen, und in ihrem Interesse an Utopien und Dystopien. Dystopie ist dabei nicht einfach als eine Science-Fiction-Immagination zu verstehen, sondern vor allem als eine Befragung der Gegenwart. Vor dem Hintergrund aktueller politischer wie ökologischer Katastrophen, die zum Teil wie wahr gewordene Sci-Fi-Prognosen wirken, untersucht Ünlü wohin sich unsere Welt bewegt und ob es überhaupt eine Utopie für alle geben kann. Die entstehenden Arbeiten sind komplex, abstrakt und kritisch: Im Ausschlussverfahren durchleuchtet und verwirft die Künstlerin mögliche aktuelle Vorstellungen utopischer Zukunftsräume. Ünlüs Arbeiten fordern Widerständigkeit und Verantwortung und hinterfragen die üblichen Kategorien und Klassifikationen.

Gülbin Ünlüs Themen entwickeln sich oftmals aus den Materialien, die sie zufällig findet, wie etwa Reflektionsfarbe, Druckertinte oder Jute, und mit denen sie experimentiert, bis sich daraus eine Thematik und eine Form entwickelt. Das grobe Jutematerial etwa, trägt als Bildgrund in sich bereits Leerstellen und bringt dadurch – mit Stickereien oder Farbe behandelt – vor der Wand eine Mehrdimensionalität hervor.


TEXT: Anja Lückenkemper, „Die ersten Jahre der Professionalität 39“, Galerie der Künstler München, 2020 (Translation: Carrie C. Roseland)